Freitag, 15. August 2014, Røros – Sunne im Värmland, 400km
Nachdem wir heute Morgen noch eine kleine Rundfahrt durch das schöne Örtchen Røros mit seinen Museumshäusern aus der Zeit des Kupferbergbaus vergangener Zeiten gemacht haben, sind wir um 09:15 Uhr wieder auf der Piste. Wir fahren auf der 30 in Richtung Tysnet. Nach kurzer Zeit zweigt die 28 nach links ab, der wir nun eine ganze Weile folgen. Eine schöne Gegend mit einigen Höhenzügen, die überquert bzw. durchfahren werden muss. Wir sind fast alleine auf der 28, die nach etwa 70km in die 26 übergeht.


Straße 28 im Värmland

Ab und zu liegt eine Siedlung an der Strecke, ansonsten auch schon mal über 50km kein Haus oder kein Ort. Dafür zieht sich die Straße malerisch durch die typischen Landschaften des Värmlands mit Hochmooren, unendlichen Niederwäldern, vielen Seen. Eine Herde Ziegen kreuzt gerade die Fahrbahn, natürlich ist da kein Hirte dabei, so wie bei uns.


Ziegenherde nach Fahrbahnüberquerung

Etwas später laufen mir zwei Elche vor die Kamera. Nachdem ich angehalten hatte, bleiben die Beiden für das Bild noch eine Weile links neben der Fahrbahn stehen.
Die Straße führt in Höhen bis zu 500m hinauf, die Bergspitzen in der Umgebung ragen bis zu 700m in die Höhe. Das Värmland hat eine Nord-Süd-Ausdehnung von 245km, die wir fast komplett durchfahren.

Straße 26

An der schwedischen Grenze hat ein Schelm aus der 26 einfach eine 62 gemacht, die schwedische Straße ist im Ganzen etwas breiter und in besserem Zustand. Wir verabschieden uns daher hier vom wunderschönen Land Norwegen mit einem herzlichen "Ser deg snart!"


Grenze Norwegen - Schweden bei Långflon

Wir fahren bis Torsby, wo wir der E 45 Richtung Karlstad/ Göteborg / Richtung Süden folgen. Nach kurzer Zeit liegt links der Fahrbahn der schmale und lange Frykensees. Hier hat die Schriftstellerin Selma Lagerlöf gelebt und einige ihrer Romane spielen hier in der Gegend. Und sie beschreibt den See wie folgt:

„Die Quellen des Sees liegen ganz oben im Norden, und dort ist ein herrliches Land für einen See. Der Wald und die Berge sammeln unaufhörlich Wasser für ihn. Ströme und Bäche ergießen sich das ganze Jahr hindurch in sein Becken. Er kann sich auf feinem, weißem Sand ausstrecken, Landzungen und kleine Inseln widerspiegeln und beschauen, der Neck und die Nixe können sich da fröhlich tummeln, und er wird in kurzer Zeit schön und groß. Dort oben im Norden ist er froh und heiter; man sehe ihn nur an einem Sommermorgen noch schlaftrunken unter seinen Nebelschleiern liegen, da sieht man gleich, wie er fröhlich ist. Erst spielte er eine Weile Verstecken, dann schlüpft er leise heraus aus der leichten Umhüllung und zeigt sich so zauberhaft schön, daß man ihn kaum wiedererkennt; aber dann wirft er wie mit einem Ruck die ganze Decke zurück und liegt nun frei und offen glänzend, vom rosigen Morgenlicht umflossen.
Aber mit diesem neckischen Spiel ist der See noch nicht zufrieden; er schnürt sich zu einem schmalen Sunde zusammen, zwängt sich durch einige im Süden liegende Sandhügel hindurch und sucht sich ein neues Reich. Er findet es auch, wird größer und kräftiger, füllt bodenlose Tiefen aus und verschönt eine fruchtbare Landschaft. Aber nun werden auch seine Wasser dunkler, die Ufer einförmiger, schärfere Winde sausen daher, der ganze Charakter wird strenger. Nun ist er ein stattlicher, prächtiger See. Viele Schiffe und Flöße durchschneiden seine Fluten, spät erst, ja, selten vor Weihnachten, hat er Zeit, unter Eis und Schnee seine Winterruhe zu halten. Oft ist er auch schlechter Laune, schäumt vor Wut und stürzt Segelboote um, manchmal liegt er aber auch in träumerischer Ruhe und spiegelt den Himmel wider.
Doch er will noch weiter hinaus in die Welt, der See, obgleich die Berge immer steiler, der Raum immer enger wird, je weiter er nach Süden kommt, so daß er noch einmal als ein schmaler Sund zwischen hohen Ufern hindurchschlüpfen muß. Dann breitet er sich zum dritten Mal aus, aber nicht mehr mit derselben Schönheit und dem früheren Umfang.
Die Ufer werden flacher und einförmig, mildere Winde wehen, der See legt sich zeitig unter der Eisdecke zur Ruhe. Noch immer ist er schön, aber er hat den Jugendübermut und die Manneskraft eingebüßt, er ist ein See wie andere auch. Mit ausgestreckten Armen sucht er tastend den Weg zum Wenern, und wenn er ihn gefunden hat, stürzt er in Altersschwäche einen steilen Abhang hinunter geht mit einem donnernden Getöse zu seiner Ruhe ein.“

Unser Hotel liegt 5 km vor der Ortschaft Sunne, direkt am Frykensee, und ich hätte ihn nicht besser beschreiben können. Am gleichen Abend treffen hier etwa 40 Mitglieder des Rotary-Clubs aus ganz Skandinavien ein, die hier ihr jährliches Club-Treffen abhalten. Die meisten von ihnen sind schon betagt und fahren die auffälligsten Motorräder und Oldtimer.


Hotel Frykenstrand im schwedischen Sunne


Blick  auf den Frykensee

Und ich bin mir nicht sicher, ob nicht in der nächsten Woche bei uns Allen Entzugserscheinungen auftreten…


16.08.2014, Tag 22, Sunne - Göteborg - Kielfähre, 420 km

Nachdem die betagten Rotarier mit ihren schönen Motorrädern ihr Treffen im schönen Hotel am Frykensee mit Lifemusik gefeiert hatten, sind wir um 09:00 Uhr abmarschbereit bei 10°C Außentemperatur abmarschbereit.


Hotel Frykenstrand, Seeseite

Der Bodennebel, der sich soeben noch über den See gelegt hatte, hat sich mittlerweile verzogen und die Sonne scheint uns wieder entgegen.
Wir fahren auf der E 45 in Richtung Süden, vorbei an dem Abzweig zum Gutshaus von Mårbacka (heute Museum), hier hatte Selma Lagerlöf bis zum ihrem Tod im Jahre 1940 gelebt.
Hinter Sunne biegen wir nach rechts auf die 621 ab und fahren dort bis Arvika. Hier biegen wir links ab auf die 172, der wir über Ǻrjang bis nach Billingsfors, und von dort über Båckefors, Båckelanda, Fårgelanda bis nach Uddevalla an der E 6 folgen.
Wir haben noch etwas Zeit, und nach unserem letzten Tankstopp in Billingsfors entscheiden wir uns, über die 44 und 161, über die E 6 hinweg und vorbei am Havstenfjord bis zum Kreisverkehr mit Tankstelle und Supermarkt, auf die Westküste Schwedens zuzufahren. Am Kreisel legen wir eine kurze Rast ein, es ist Zeit für eine Zwischenmahlzeit. Gerade fährt ein amerikanischer Oldtimer vor die Tankstelle, und eine ältere Schminkdame im Petticoat mit aufgebauschten, roten Unterröcken verlässt auf Highheels im wippenden Gang das Auto aus den 50ger Jahren. Und sie hat die Haare schön.
Am Kreisverkehr geht es in südlicher Richtung über Hochbrücken auf die vorgelagerten Inseln Orust und Tjörn bis nach Stenungsund an der E 6. Auf Schwedens Hauptstraße E 6 fahren wir in Richtung Göteborg bis zur Abfahrt Nr. 82. Vorbei am Göteborg City Airport führt die Straße direkt auf die Älvsborgsbrun, die Hochbrücke über den Hafen von Göteborg. Und ziemlich nahe der Brücke befindet sich auch der Anleger der Stenaline, wo unser Schiff schon wartet.

Bug des Fährschiffes

Stena Danica in der Hafeneinfahrt von Göteborg

Wir erreichen den Checkpoint etwa 2 Stunden vor dem Auslaufen. Auf dem Oberdeck im Hafen sitzen wir nun gemütlich an der Karaokebar auf Deck 11 und lassen bei einem kühlen Glas Bier und erhabener Aussicht auf die Stadt die ganze Reise noch einmal Revue passieren.

Bis zum Abendbuffet um 20:30 Uhr verbleibt uns noch ein wenig Zeit, um das Schiff zu erkunden. Die Erkundung ist allerdings schnell abgeschlossen, denn im Vergleich mit den Fährschiffen der Colorline liegt der Schwerpunkt dieser Fähre eindeutig nur auf der Beförderung von vielen Passagieren und Fahrzeugen, und nicht darauf, den Fahrgästen auch Unterhaltung und Kurzweile zu bescheren.
Schon kurz nach der Ausfahrt aus dem Göteborger Hafen in das Kattegat beginnt das Schiff deutlich zu wanken. Es ist Zeit für die Reisetabletten, die ich prophylaktisch mit auf die Reise genommen hatte. Rainer wollte die raue See ohne Chemie überstehen, Gerd und ich wollten auf Nummer sicher gehen und nicht das Abendbuffet auf’s Spiel setzen. Im Ergebnis war das Befinden bei Allen gleich, das Wetter hat keine Rolle gespielt und die Nacht verläuft ohne weitere Zwischenfälle, wir sind auf dem Weg nach Deutschland, nach Kiel.


Sonntag, 17.08.2014, Kiel - Sauerland

Pünktlich um 09:15 Uhr legt das Schiff der Stenaline am Kai in der Kieler Förde an, wir sind bereits auf dem Fahrzeugdeck und lösen die Motorräder von ihren Spanngurten. Das obere Fahrzeugdeck, etwa 2 Fußballfelder lang, ist bis auf den letzten Platz mit Autos dicht zugestellt.


Oberdeck der Fähre

In der unteren Etage stehen die Wohnmobile, Lkw und sonstigen Fahrzeuge mit Übergröße. Schnell sind die Decks geräumt und wir fahren über eine Rampe hinunter zur Heckausfahrt des Schiffes.
An der Hafenausfahrt trennen sich Gerd’s und unsere Wege. Zusammen mit Rainer mache ich mich auf den Weg über die A7, A2, A 33 bis ins Sauerland. Und schon in der Lüneburger Heide hat uns die deutsche Wirklichkeit wieder eingeholt und wir stehen mitten in einem riesigen Stau. Ein weiterer Stau ereilt uns kurz vor Landesgrenze auf der A2, wir sind also wieder zuhause. Somit findet der Weg zurück in die Wirklichkeit, den wir Drei uns, fern der Heimat, nach dieser schönen Zeit irgendwie nicht mehr so richtig vorstellen konnten, doch ziemlich abrupt statt. Auch das Wetter mit starken Windböen und Schauern sorgte dafür, dass wir froh waren, wieder am späten Nachmittag zuhause angekommen zu sein. Diese Fahrt war es auch im Vergleich mit den anderen Etappen nicht wert, fotografisch dokumentiert zu werden.

Peter's Fazit:
Auf der gesamten Reise verging eigentlich kein Tag, an dem wir nicht an unseren 4. Mann Helmut denken mussten, der diese schöne Reise mitgeplant hatte und der, wie bereits am Anfang erwähnt, in diesem Frühjahr schwer erkrankte. Gleich nach unserer Rückkehr hatte ich ihn besucht und ihm von unseren Erlebnissen berichtet. Wir alle wünschen ihm natürlich auch auf diesem Weg eine baldige Genesung und ich freue mich auf die nächste Tour mit ihm zusammen.

Wie eigentlich nicht anders erwartet, fand in den vergangenen drei Wochen wirklich die schönste, längste, abgelegenste, wärmste, aufregendste, anstrengenste, abwechslungsreichste und teuerste Motorradtour meines Lebens statt. Wir sind vom 51. bis hinauf zum 71. Breitengrad am Nordkapp gefahren, dazwischen liegen 2400km Luftlinie.
Wir waren insgesamt 95 Stunden im Sattel und auf der Piste,
jeder hat ungefähr für 700 EUR Benzin getankt,
die durchschnittliche Geschwindigkeit betrug 76 km/h,
die gefahrene Gesamtkilometerzahl ohne die Fährenkilometer betrug 7140km.

Wir hatten unglaubliches Glück mit dem Wetter und erlebten einen der wärmsten Sommer nördlich des Polarkreises in Finnland.
Wir hatten unglaubliches Glück, als wir am 06.August 2014 am Nordkapp standen und einen herrlichen Sonnenuntergang erlebten.
Wir hatten unglaublich gute Schutzengel, die während der gesamten Fahrt uns nicht aus den Augen verloren.
Wir hatten uns auf eine große Mückenplage mit ganzen Schwärmen eingestellt, ich wurde nur einmal gestochen.
Wir hatten keinen einzigen, ernsten, technischen Defekt.

Und wer sich jetzt fragt, was das dennaus Rainers steifem Kettenglied geworden ist, dem sei erklärt, dass das Problem fortan mit reichlich Kettenöl kuriert wurde und damit zur Nebensächlichkeit verkam. Das steife Kettenglied und alle übrigen Kettenglieder der Susi hatten durchgehalten, und Rainer fährt immer noch weiter damit herum. Steife Kettenglieder werden eben oft völlig überbewertet.

Die Routenplanung des Anbieters Feelgood, die zuvor individuell auf unsere Vorstellungen angepasst wurde, wird lobend erwähnt. Nicht nur die Streckenführung und Länge der Etappen, sondern auch die Auswahl der Unterkünfte sorgte immer wieder für Entspannung und oft für ein echtes, neues und unerwartetes Erlebnis. Die Unterkünfte in den Großstädten wie Malmö, Karlskrona oder Stockholm hatten den Nachteil, keinen geeigneten Parkraum für die Motorräder zur Verfügung zu haben. Somit blieb uns nach langem Tagesritt auch noch schweißtreibendes Ausladen und Abparken in entfernten Parkhäusern oder -plätzen übrig. Auf der anderen Seite ist eine citynahe Unterbringung für die Besichtigung der Innenstädte ein großer Vorteil. Eine schwierige und individuelle Abwägung ist das hier wohl gewesen.
Ach ja, und die Nacht in Stockholm mit Rentner Gerd im engen Doppelzimmer auf dem 1,40m-Bett war eine Zumutung und bleibt für uns beide deshalb in keiner guten Erinnerung.
Feelgood wird von uns jedoch in jedem Fall weiter empfohlen.


Gerd’s kurzes Fazit zur Nordkapreise vom 26.07. bis 18.08.2014:


Seit dem 01.07.2014 bin ich, Gerd, Rentner. Für mich war diese Reise der Einstieg in meine Rentnerdasein und geplant, seitdem Helmut mich im Herbst 2012 wegen dieses Vorhabens ansprach und ich spontan zugesagt habe.

Als Helmut dann leider aus den bekannten Gründen absagen musste, habe ich kurz gezögert, aber nach kurzer Überlegung mit Peter und Rainer doch zugesagt. Ich weiß, dass Helmut mir diese Reise sehr gegönnt hat.

Ich danke den beiden „Sauerländern“ für diese schöne Zeit. Die gesamte Zeit war geprägt von einer guten Stimmung und einer selbstverständlichen Kameradschaft. Trotzdem hat Helmut mir gefehlt und ich wünsche ihm auch über diesen Weg baldige Genesung und hoffe, demnächst auch wieder mit ihm Touren unternehmen zu können.

Zur Reise selbst kann ich das Fazit, das Peter gezogen hat, nur voll unterschreiben. Es war für mich ein Riesenerlebnis und hat Lust auf mehr gemacht. Skandinavien wird sicher noch öfter für mich Reiseziel sein.

Zu den Details gibt es einen kleinen Unterschied zu Peters Wahrnehmung. Die Dame mit den roten Unterröcken hatte weder einen wippenden Gang noch waren ihre Haare schön. Aber das ist sicher der dreiwöchigen Abstinenz so kurz vor zu Hause geschuldet.


Rainer's Fazit der Nordkap-Tour:

Ich wurde im Spätsommer 2013 von Peter angesprochen und gefragt, ob ich Interesse an einer Tour zum Nordkap hätte, und schilderte mir, wie diese Idee in Münster in einem Tabakgeschäft geboren wurde.
Nach einer längeren Bedenkzeit habe ich dann zugestimmt und im Herbst dann Gerd und Helmut bei Peter kennen gelernt.
Da die Chemie zu passen schien, habe ich dem Ganzen dann mit großer Vorfreude entgegen gesehen.
Der sehr bedauerliche Ausfall von Helmut hatte die Tour zunächst kurz in Frage gestellt, aber wir drei haben uns entschlossen, doch zu fahren. Wir haben gut harmoniert, waren uns bei wesentlichen Sachen immer schnell einig und konnten so die vielen neuen und interessanten Eindrücke aufnehmen und verarbeiten. Dazu kamen viele nette, gute und auch witzige Gespräche.
Die Routenplanung durch den Veranstalter Feelgood (hat seinem Namen alle Ehre gemacht) war ausgewogen, die Hotelauswahl überwiegend gut bis sehr gut, auch manche Streckenlänge bis zu 500 km ließ sich gut fahren, obwohl so eine Zahl erst mal abschreckend wirkt.
Als Kurzfazit könnte man daher schreiben: Gerne wieder!

Ich bin Sonntags passend zum Königstanz beim Stadtschützenfest in Padberg angekommen, dieses hat das insgesamt ohnehin schon sehr positive Gesamtbild noch abgerundet.


Nachtrag vom 03.05.2016:

Unser Freund Helmut ist nun schon vor über einem Jahr an den Folgen seiner Erkrankung verstorben. Kurz vor seinem Tode konnte er sich noch unsere Dokumentation ansehen, es war für ihn in Ordnung so. In unseren Gedanken wird Helmut auch für immer seinen Platz behalten und auch auf zukünfigten Fahrten mit im Gepäck sein.